Bundespräsidentenwahl – was mir wirklich Angst macht

Ich gehöre grundsätzlich nicht zum ängstlichen Teil der Bevölkerung. Aber diese Bundespräsidentenwahl macht mir Angst. Die Frage, wer denn da in 48 Stunden gewählt werden wird, verängstigt mich aber viel weniger als die Art, wie diese Wahlauseinandersetzung geführt wird.

Wenn ich meiner Facebook- oder Twitter-Timeline glauben würde, dann müsste Alexander Van der Bellen übermorgen mehr als 95 Prozent der Stimmen erhalten: Dort, wo sich normalerweise Katzenposting an Grinse-Selfie reiht, findet sich nun ein flammender Wahlappell nach dem nächsten. Menschen, die sonst das ganze Jahr hindurch mit keiner einzigen politischen Äußerung auffallen, skizzieren nun wortgewaltig den bevorstehenden Untergang Österreichs.

Diesem Meinungsmonopol gegenüber steht eine vollkommen andere Realität: Norbert Hofer wird am Sonntag rund die Hälfte der Stimmen erhalten. Diese Diskrepanz gibt mir zu denken: Warum finden sich seine Wähler nicht in meiner Timeline? Eine einfache Erklärung wäre: Es gibt sie nicht. Doch das ist mit einem nüchternen Blick auf Wahltagsbefragungen und Wählerstromanalysen auszuschließen. Nach allen Regeln der Logik wählt mindestens ein Drittel meiner Freunde Hofer. Also warum melden sie sich nicht zu Wort?

Drinnen oder draußen

Die Kurzantwort lautet: Weil sie nicht wie eine Seuche behandelt werden wollen.

1986 hat Franz Vranitzky den Aufstieg Jörg Haiders zum Parteiobmann zum Anlass genommen, um die Koalition mit der FPÖ zu beenden und Neuwahlen auszurufen. Seitdem gilt eine Koalition mit der FPÖ als Tabu. Doch dieses Tabu wollte die SPÖ nicht nur sich selbst auferlegen, sondern auch den anderen Parteien verordnen. Ein kollektiver „Cordon sanitaire“ sollte den Aufstieg der FPÖ verhindern.

Ein Blick ins Online-Lexikon führt mitten ins Problem: Ein „Cordon Sanitaire“ ist ein „Isolationsgebiet zur Eindämmung von Seuchen“. Eine Seuche erfordert bekanntlich radikale Schritte: Mangels medizinischer Gegenmittel ist man gezwungen, alle, die mit der Seuche nur irgendwie in Berührung gekommen sind, zu isolieren. Drinnen oder draußen – etwas anderes gibt es bei einem Isolationsgebiet nicht.

Drinnen oder draußen – das ist nun seit dreißig Jahren auch das Motto im Umgang mit der FPÖ. Jeder, der mit der FPÖ in Berührung kommt, wird zum Unberührbaren, wird isoliert: Zuerst die Funktionäre, dann die Stammwähler, dann die Gelegenheitswähler, dann die Koalitionspartner und schließlich alle, die auch nur einzelne politische Anliegen unterstützen. Eine inhaltliche Auseinandersetzung mit diesen Menschen findet nicht mehr statt. Statt dessen wird ihnen „ins Gewissen geredet“ – wie es Van der Bellen in diesen Sekunden bei seiner Abschlussveranstaltung formuliert hat.

Nur: Das hat schon vor dreißig Jahren nicht funktioniert und funktioniert heute noch viel weniger. Die Leute lassen sich nicht mehr vorschreiben, wen sie zu wählen haben – auch wenn die Appelle noch so schrill ausfallen, auch wenn sie dafür wüst beschimpft werden. Die Reaktion ist eine andere: Sie wählen trotzdem, wen sie für richtig halten – nur zeigen sie es halt nicht mehr.

Das Phänomen hat sich zuerst am Versagen der Meinungsforscher gezeigt – und setzt sich nun in den sozialen Medien fort. Alle, die nicht mit dem Mainstream übereinstimmen, verlassen die medialen Stammtische und warten auf den Wahltag.

Ein Hauch von Heldenplatz

Die Reaktionsmuster sind bekannt: Nach der geschlagenen Wahl fällt der Stammtisch aus allen Wolken – und steigert den Hysterielevel vor der nächsten Wahl noch mehr. Das geht so weit, dass die Moderatorin einer Wahlkampfveranstaltung für Van der Bellen vor ein paar Tagen allen Ernstes sagte: „Wir brauchen jede Stimme, der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt – nur nicht kriminell werden. Also nicht sehr.“

Die Moderatorin war eine bekannte Wiener Schauspielerin, bei der Veranstaltung handelte es sich um ein „Solidaritätskonzert“, im Wiener Konzerthaus war ein Gutteil der Wiener Kulturszene anwesend. Doch kein einziger der Künstler kam auf die Idee, diese Äußerung kritisch zu hinterfragen.

Das, was sich in meiner Facebook-Timeline abspielt, kann man nur mehr als Massenpsychose bezeichnen. Eine Massenpsychose, die sich immer weiter aufschaukelt. Jeder versucht, sich mit noch schrilleren Warntönen zu profilieren. Keiner hält mehr inne, um die Behauptungen auf ihren Wahrheitsgehalt zu untersuchen. Keiner macht sich mehr auf die Suche nach alternativen Deutungsmöglichkeiten. Niemand zeigt mehr ein Bedürfnis, den anderen zu verstehen. Man ist im Besitz der absoluten Wahrheit – und verkündet sie mit kompromissloser Aggression. Positiv in Erinnerung geblieben im Wahnsinn der letzten Wochen sind mir nur zwei Menschen: Ein linker, atheistischer Freund und der Wiener Kardinal.

Das macht mir Angst. Das macht mir Angst, weil mir zu gut bewusst ist, welche katastrophalen Auswirkungen derartige Massenphänomene in der österreichischen Geschichte gehabt haben. Das macht mir Angst, weil ich die Hoffnung gehabt hätte, dass sich die intellektuelle Elite dagegen auflehnen würde, wenn das Land wieder in einen kollektiven Rauschzustand verfallen sollte. Doch das Gegenteil ist der Fall: Hochintelligente Menschen, die sonst ihre Gedanken sorgsam abwägen, suchen plötzlich nicht mehr den Diskurs, sondern nur mehr die kollektive Erregung.

Durch meine Facebook-Timeline zieht ein Hauch von Heldenplatz. Der Wind weht diesmal aus der anderen Richtung – aber die massenpsychologischen Phänomene dahinter unterscheiden sich kaum.

Euer besorgter Florian

PS: Wir brauchen uns keinen Illusionen hingeben – hinter dem Cordon sanitaire, in den man die FPÖ-Sympathisanten gesteckt hat, sieht es mit der Diskursfähigkeit nicht besser aus. Die Ausgrenzungspolitik hat zu einer kollektiven Trotzhaltung geführt, die ebenso wenig Platz für einen wertschätzenden Dialog lässt.

Ein Gedanke zu „Bundespräsidentenwahl – was mir wirklich Angst macht“

  1. Das rechte Kampfblatt „Profil“ entdeckt auch, dass man sich vielleicht mit der FPÖ auch inhaltlich auseinandersetzen sollte: http://www.profil.at/oesterreich/schmiedl-bundespraesidentschaftswahl-fpoe-spoe-asylpolitik-6350212

    Auch die (ebenfalls nicht gerade rechte) „Zeit“ kommt zu einer sehr ähnlichen Analye: http://www.zeit.de/politik/deutschland/2016-05/rechtspopulismus-demokratie-entfremdung-autoritarismus/komplettansicht

    Auch die ORF-Redakteurin Elisabeth T. Spira bestätigt auf ihre Weise („Österreich war schon immer ein Nazi-Land, das kann man nicht verschönern“) meine Sorgen: http://wienerin.at/home/jetzt/4996283/Elisabeth-T-Spira_Osterreich-war-schon-immer-ein-NaziLand-da-kann

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