Gewalt ist etwas Subjektives

Obwohl meine Mutter immer wieder behauptet, mich einmal in ihrem Leben übers Knie gelegt zu haben, kann ich mich nicht daran erinnern. Erinnern kann ich mich hingegen sehrwohl daran, dass meine Brüder immer mit den tollen Dingen beauftragt wurden (sie durften zum Schmidtschläger Spezialschrauben einkaufen fahren!), während ich nur die Mistsackerl in den Hof bringen durfte. Erinnern kann ich mich daran, dass meine Brüder immer viel mehr Taschengeld bekommen haben als ich. Erinnern kann ich mich daran, dass ich auf den Gang gestellt wurde, weil mein Vater meine Gesangskunst nicht länger genießen wollte. Erinnern kann ich mich daran, wie mein Bruder auf mir gekniet ist und ich mich nicht mehr wehren konnte.

Gewalt ist etwas Subjektives. Zweifellos ist es ein Fortschritt, dass es in unserer Gesellschaft inzwischen einen weitgehenden Konsens gibt, dass körperliche Gewalt in der Erziehung von Kindern nichts verloren hat. Armin Wolf beschreibt in einem sehr berührenden Facebook-Post, wie jahrelange körperliche Gewalt das Vertrauensverhältnis zu seinen Eltern massiv belastet hat.

Anlass für das Wolf’sche Outing war ein Artikel des Presse-Journalisten Wolfgang Greber. Er hat am Sonntag in einem sehr persönlichen Text über seinen Erziehungsstil berichtet – und dabei auch Praktiken wie „Übers-Knie-Legen“ und „Ohrenzieher“ beschrieben. Er hat damit einen der größten Shitstorms des Jahres ausgelöst.

Die Heftigkeit der Reaktionen war so gewaltig, dass sich selbst die Presse-Chefredaktion zu einer pauschalen Distanzierung veranlasst gesehen hat. Ein Durchscrollen der wutentbrannten Kommentare (ein vollständiges Lesen ist allein zeitlich nicht mehr möglich) macht mich aber betroffen: Ein Großteil der Leute dürfte den Greber’schen Text nie gelesen haben oder zumindest intellektuell nicht in der Lage sein, ein erstes, durch die aufgeregte Berichterstattung erzeugtes Bild nachträglich zu revidieren.

Es wäre eine Lüge zu behaupten, dass mich manche Passagen des Textes nicht auch instinktiv zusammenzucken haben lassen. Aber je öfter ich Grebers Text lese, desto sicherer bin ich mir, dass es sich hier um sehr liebevolle Eltern handelt und dass ihr Sohn M. kein Erziehungstrauma davontragen wird.

Ich gebe es zu: Ich habe Angst vor den Vereinfachern. Natürlich ist es ein Fortschritt, wenn wir uns einig sind, dass Gewalt in der Kindererziehung etwas Schlechtes ist. Aber der Fortschritt ist sehr überschaubar, wenn wir als Gesellschaft nicht in der Lage sind zu reflektieren, wo denn Gewalt überhaupt beginnt und welche Formen von Gewalt es gibt. Das spielerische Auf-den-Popo-Klopfen, als das sich das so heftig gescholtene Übers-Knie-Legen beim genauen Lesen des Greber-Textes herausstellt, wird wohl nicht die Existenz der Psychologen-Zunft sichern. Über das Am-Ohr-Ziehen erfahren wir zu wenig, um es einordnen zu können.

Das Problem heißt Ohnmacht

Es ist ein Irrglaube, körperliche Schäden für das Hauptproblem bei Gewalt zu halten – die sind Gott sei Dank nur in den seltensten Fällen ein echtes Problem. Das Problem an jedweder Form von Gewalt ist das damit verbundene Gefühl der Ohnmacht, des Hilflos-ausgeliefert-Seins, das Zerstören der Vertrauensbasis zu den eigenen Eltern. Armin Wolfs Text beschreibt das eindrücklich.

Damit sind wir aber mitten in einem unlösbaren Dilemma: Wesenselement jeder elterlicher Fürsorge ist es, seine Kinder vor Schaden zu bewahren – und das auch gegen den Willen der Betroffenen. Es macht alles andere als Spaß, seine Kinder zwingen zu müssen, rechtzeitig ins Bett zu gehen, sich die Zähne zu putzen, auf eine halbwegs ausgewogene Ernährung zu achten oder ihre Hausübung zu machen.

In letzter Zeit steht unser Siebenjähriger regelmäßig zornig vor uns und wirft uns mit tränenerstickter Stimme vor, „unfair“ und „gemein“ zu ihm zu sein. Ich spüre seine tiefe Verzweiflung und Ohnmacht, der Gewalt (ja, auch das ist Gewalt!) seiner Eltern ausgeliefert zu sein – und bin selbst sehr verzweifelt, sie ihm antun zu müssen. In seiner Sturheit, aber auch in seiner Verzweiflung erkenne ich so viel von mir selbst wieder, dass es wehtut.

Trotzdem bin ich überzeugt, dass die vermeintlichen Alternativen keine sind: Natürlich kann und wird man ein paar Mal erklären, warum man diese oder jene Grenze setzt. Aber letzten Endes sind viele der Gründe für Kinder wenig einsichtig, weil sie zu abstrakt und zu weit weg sind. Was wiegt für ein Kind schon ein schlechterer Job in 15 Jahren, wenn es jetzt konkret keine Lust auf die dumme Schreibhausübung hat? Viele Eltern verlegen sich aufs Verhandeln, um den beidseitigen Schmerz zu minimieren („Na gut, du darfst noch …“). Aber tut das der Glaubwürdigkeit der eigenen Argumente wirklich gut, wenn sie verhandelbar sind? Außerdem muss man sich bewusst sein: Wenn ich heute nachgebe, bin ich morgen schon mit weiterreichenden Forderungen konfrontiert („Aber gestern hast du doch auch …“).

Das not-wendige Leid

Klare, konsistente Regeln sind notwendig. Und leider auch Konsequenz bei der Durchsetzung. Wie oft denke ich mir: Würden wir weniger schreien, sondern früher die angedrohte Sanktion durchsetzen, würden wir allen Beteiligten mittelfristig Kummer ersparen. Trotzdem schiebt man den Satz, mit dem man die Tränen eines Kindes hervorruft, zu lange hinaus. Menschlich verständlich, aber bescheuert.

Die Tränen eines Kindes sind etwas Schreckliches – und trotzdem in gewisser Weise systemimmanent, ja not-wendig. Wesentlich erscheint mir, diese Erkenntnis nicht zur Ausrede verkommen zu lassen. Wenn wir das Mit-Leiden mit unseren Kindern verlernen, geraten wir in Gefahr, auch dort Leid zuzufügen, wo es nicht notwendig ist. Dann kann es leicht passieren, dass der kindliche Vertrauensvorschuss, der Eltern Gott sei Dank viel verzeiht, einmal aufgebraucht ist – und dann ist der seelische Schaden zumeist irreparabel.

Im Schlafzimmer unserer Buben hängt ein überdimensionales Kleeblatt – ein Andenken an Benjamins Taufe. Auf ihm steht „Ein Kind des Glücks“. Wenn ich am Abend neben Simons Bett liege, schaut mich dieses Kleeblatt mahnend an und erinnert mich, dass es zum Glück zwei Dinge braucht: Konsequenz und ganz viel Liebe. Damit der Vertrauensspeicher nie leer wird.

Euer bewegter Florian

PS: Zum Schmidtschläger wäre ich übrigens trotzdem gerne gegangen … 😉

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