Großmama

In Grundlsee geht alles wie immer seinen Gang

„Am Hauptbahnhof geht alles wie immer seinen Gang.“ Immer und immer wieder geht mir diese Textzeile der Wise Guys durch den Kopf. Wir stehen inmitten von halbfertig gepackten Koffern, als die Nachricht einlangt: Großmama liegt im Sterben.

Die Nachricht kommt nicht überraschend – und trotzdem trifft sie uns mit voller Wucht. Seit etwas mehr als drei Monaten liegt Elisabeths Großmutter im AKH. Nach einem dramatischen Beginn (am Fronleichnamstag wird sie in künstlichen Tiefschlaf versetzt) gibt es viele Zeichen der Hoffnung: Endlich kann eine Diagnose gefunden werden (ein atypisches Lymphom). Noch im Tiefschlaf beginnt eine Chemotherapie, die gut anzuschlagen scheint. Mühsam, aber doch gelingt der Aufwachprozess. In Wellenbewegungen geht es langsam aufwärts. Immer wieder Rückschläge, aber auch immer wieder Hoffnung auf eine Rückkehr an den geliebten Grundlsee.

Doch in den letzten Tagen geht alles sehr schnell. Die vermeintlichen Erfolge der Chemotherapie stellen sich als Messfehler heraus: Der Krebs ist nicht gestoppt, sondern im ganzen Körper verteilt. Als sich am Freitag ein multiples Organversagen ankündigt, stehe ich mit den Kindern im Schwimmbad und Elisabeth zwischen halbfertig gepackten Koffern. Wir müssen am Ende des „Kinderurlaubs“ das gemeinsame Domizil im Zillertal räumen.

Ohnmacht

Ein unglaubliches Gefühl der Ohnmacht macht sich breit: Während sich die Familie zu Krankensalbung und Komplet am Sterbebett versammelt, müssen wir viele Autostunden von Wien entfernt die Spielsachen von acht Familien auseinanderdividieren, Essensvorräte versteigern und die Urlaubsabrechnung vorbereiten.

Dazwischen bleibt zwei Mal eine halbe Stunde, um zuerst zu zweit und dann mit Manuel und Benjamin gemeinsam zu weinen und zu beten.

Dann ein paar Bissen essen, Stauwarnungen diskutieren, herrenlose Unterhosen verteilen. Beim Schlafengehen zeigt sich, wie unterschiedlich Trauerbewältigung sein kann: Manuel schnappt sich seinen E-Reader und verkriecht sich sofort in sein Zimmer. Benjamin braucht fast zwei Stunden, bis Elisabeth sein Zimmer verlassen kann.

In der Früh dann Gewissheit: Großmama ist den letzten Weg gegangen. Elisabeth holt unsere Buben ins Zimmer. Simon hat das kindliche Privileg, dass seine Gedanken nach einem kurzen „Wieso?“ schnell wieder abschweifen. Die Großen kiefeln merklich – trotz Vorbereitung.

Eine bizarre Reise

Die Hektik der Abreise lenkt ab: Um 9:30 Uhr müssen wir das Haus geräumt haben. Tröstende Worte unserer Freunde – und dann ab ins Auto. Eine bizarre Reise steht uns bevor. Das Schicksal will es so, dass uns die Fahrt ausgerechnet an diesem Tag nach Grundlsee führt – an den Ort, der ohne Großmama gar nicht existieren darf.

Ich merke, wie Elisabeth am Beifahrersitz immer wieder die Tränen über die Wangen rinnen: Im Familienchat werden die Beileidsbekundungen ausgetauscht, die die Familie erreichen – unglaublich berührende Worte, die klarmachen, was Großmama nicht nur uns bedeutet hat. Elisabeth ist so klug, sie mir während der Fahrt nicht vorzulesen.

Für Ablenkung sorgt nur Hannah, die uns zwei Mal daran erinnert, dass ihr Magen dem Gerlospass doch noch nicht gewachsen ist. An der Gereiztheit, mit der wir bei den Zwangsstopps mit den Buben umgehen, merken wir, wie sehr uns die Sache an die Nieren geht.

Ein boshafter Ort

Dann endlich Grundlsee. Es ist ein boshafter Ort: Während die Welt für uns eine andere geworden ist, kann diesen majestätischen Ort nichts aus der Ruhe bringen: Der Backenstein blickt beinahe trotzig auf das Ausseer Land herunter, der Sensenbach rauscht unverdrossen an Großmamas Haus vorbei, der See bestraft Eindringlinge mit seiner durchdringenden Kälte.

Am Grundlsee geht alles wie immer seinen Gang …

Nachtrag: Wir hatten eine gute Zeit

Aus diesen Gedanken entstand ein paar Tage später ein Lied. Vielleicht gelingt es uns ja in einem ruhigeren (und weniger emotionalen) Moment, es fünfstimmig aufzunehmen …

Musik: Edzard Hüneke, Erik Sohn
Text: Daniel „Dän“ Dickopf, Florian Unterberger
Gesang: Elisabeth Unterberger

Am Grundlsee geht alles wie immer seinen Gang:
Der Bach rauscht unverdrossen an deinem Haus entlang,
der Backenstein thront trotzig über dem Ausseer Land.
Doch plötzlich fehlt die Mitte, die uns so stark verband.

Geliebt und voller Hoffnung gehst du nun den Weg voraus.
Hier unten gibt’s Bestürzung, am Himmelstor Applaus.

Du warst der Anker unsrer Zeit,
der Grund uns’res Lebens.
Doch jetzt war es für Dich so weit.
Wir hatten eine gute Zeit.

Wir sehen uns einst wieder, weil der liebe Gott uns lässt.
Im Himmel feiern wir dann ein großes Freudenfest.
Doch bis dahin verbringst du so manches schöne Jahr
in Zweisamkeit nun wieder vereint mit Großpapa!

Diesem schweren Abschied folgt ein herzlicher Empfang.
Am Grundlsee geht alles wie immer seinen Gang.

Du warst der Anker unsrer Zeit,
der Grund uns’res Lebens.
Doch jetzt ist es für uns so weit.
Wir hatten eine gute Zeit.

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